10 Jahre Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen

10 Jahre Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen

Januar 2026

Auf eine mehr als zehnjährige erfolgreiche Arbeit kann die in der Trägerschaft des Kinderschutzbundes – Kreisverband Soest e.V. – stehende Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen zurückblicken. Dieses Jubiläum hat der Kinderschutzbund Soest am 16. Januar 2026 mit einem Fachvortrag zum Thema „Versorgung darf nicht vom Glück abhängen – Zugänge schaffen für Kinder und Jugendliche, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind“ im Bürgerzentrum „Alter Schlachthof“ in Soest gefeiert.

Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist kein Randphänomen, sondern betrifft alle sozialen Schichten, alle Altersgruppen und alle Lebenswelten. Sie findet mitten in unserer Gesellschaft statt – häufig im sozialen Nahraum, oft lange unentdeckt und mit gravierenden Folgen für die Betroffenen.

Nach Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes im Jahr 2012 strebten die Jugendämter des Kreises Soest und der Städte Soest und Warstein die Einrichtung einer gemeinsamen Institution an, die die von ihnen insoweit bislang geleistete Präventionsarbeit noch verbessern und insbesondere ein schnelleres Eingreifen bei Kindeswohlgefährdungen gewährleisten sollte. Dabei ging es neben der Bündelung der Fachkräfte aus den verschiedenen Bereichen vor allem auch darum, zum Schutz und zur Förderung von Kindern und Jugendlichen bestehende Lücken im System zu schließen. Die bundesweite Kriminalstatistik wies zur damaligen Zeit eine Hellziffer von etwa 14.000 Fällen sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen aus; die Dunkelziffer lag auch schon damals um ein Vielfaches höher.

Zu den von den Jugendämtern zur Organisation der so wichtigen Aufgabe, eine niedrigschwellige, spezialisierte und verlässliche Anlaufstelle für von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder, Jugendliche sowie junge Erwachsene zu schaffen, angesprochenen Trägern der Jugendhilfe gehörte auch der erst 2007 gegründete und – nach wie vor – rein ehrenamtlich geführte Kinderschutzbund Kreis Soest e.V., der nachfolgend am 13. November 2014 vom Jugendhilfeausschuss des Kreises Soest unter dem Vorsitz der damaligen stellvertretenden Landrätin Irmgard Soldat einstimmung mit der Einrichtung einer Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen beauftragt wurde. Diese nahm am 1. Oktober 2015 in der ehemaligen Landwirtschaftsschule an der Niederbergheimer Straße in Soest mit einer in Vollzeit beschäftigten Psychologin, einer Sozialpädagogin und einer Sozialarbeiterin – beide jeweils mit einem Stellenanteil von 50 % – und einer geringfügig Beschäftigten als Verwaltungskraft ihre Arbeit auf.

Im Jahr 2016 erfolgte der Umzug in die heutigen Geschäftsräume in der Nöttenstraße in der Innenstadt von Soest, da die ehemalige Landwirtschaftsschule zum gemeinsamen Archiv des Kreises und der Stadt Soest umgebaut wurde. Die Anfangsphase der Fachberatungsstelle war damals nur durch eine einmalige Bewilligung eines Betrags von 50.000 Euro zu deren Einrichtung und Unterhaltung bis zum Jahresende 2015 gesichert; erst Ende Dezember 2015 wurde nach intensiven Verhandlungen der erste befristete Leistungsvertrag mit dem Kreis Soest geschlossen, der nachfolgend immer verlängert wurde und auch heute noch die Finanzierung der Großteils der mit der Unterhaltung der Fachberatungsstelle einhergehenden Kosten trägt.  

Schon im Jahr 2016 wurden in der Fachberatungsstelle nahezu 400 Beratungsgespräche geführt und zahlreiche Präventionsveranstaltungen in Kitas, Schulen, Jugendhilfe- und Flüchtlingseinrichtungen abgehalten. Mit dem Lockdown 2020 nahmen die bis dahin auf 500 angestiegenen Beratungsanfragen zunächst ab. Dies war jedoch nicht auf einen Rückgang an Gewalthandlungen zu Lasten von Kindern und Jugendlichen zurückzuführen, sondern vielmehr dadurch bedingt, dass infolge der Schließung von Kitas und Schulen und der zunehmenenden Isolierung von Familien kaum noch Beobachtungsmöglichkeiten gegeben waren. Die Fachberatungsstelle hat auch während der Corona-Pandemie weierhin persönliche Gespräche mit von sexualierter Gewalt betroffenen Kindern und Jugendlichen geführt und ihr Hilfsangebot um eine Online-Beratung erweitert.

In dieser Zeit erfolgte auch ein vollständiger personeller Umbruch in der Fachberatungsstelle. Seit 2022 sind nunmehr unverändert vier Fachkräfte in Teilzeit – zwei Sozialpädagoginnen/Sozialarbeiterinnen mit Zusatzqualifikationen, eine Psychologin und eine Erziehungswissenschaftlerin – mit einem Gesamtanteil von 2,9 Stellen bei der Fachberatungsstelle tätig; das Team wird ergänzt durch eine fest angestellte Verwaltungsfachkraft und einen auf Honorarbasis tätigen Diplompsychologen. Der Kinderschutzbund bemüht sich in Gesprächen mit den die Finanzierung tragenden Jugendämtern des Kreises Soest und der Städte Soest und Warstein um eine Erhöhung der Stellenanteile. Dies ist dringend erforderlich, denn seit 2021 hat sich die Zahl der Beratungsgespräche erheblich erhöht: Während sie 2021 noch bei 761 lag, suchten in 2022 bereits mehr als 1.300 Kinder und Jugendliche um Beratung nach; im Jahr 2025 lag die Zahl bei 1.640.

Insgesamt wurden in den letzten zehn Jahren 8.743 Beratungsgespräche geführt. Hinzu kommen eine Vielzahl von Präventionsveranstaltungen in Kita, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen, Gespräche mit den Fachkräften der Jugendämter im Rahmen von Gefährdungseinschätzungen und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen während laufender Gerichtsverfahren. Auch in diesen Bereichen nehmen die Anfragen an die Fachberatungsstelle stetig zu.

In den vergangenen Jahren haben insbesondere die Beratung von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen sowie der Umgang mit digitalen Formen sexulisierter Gewalt deutlich an Bedeutung gewonnen. Die Fachberatungsstelle reagiert auf diese Entwicklungen durch fachliche Qualifizierung, Präventionsangebote und enge Kooperationen mit den entspechenden spezialisierten Institutionen. Die Beratung richtet sich dabei sowohl an Kinder und Jugendliche, die selbst von sexualisierter Gewalt betroffen sind, als auch an Kinder und Jugendliche, die grenzverletzendes oder übergriffiges Verhalten zeigen. Grundlage der Arbeit der Fachberatungsstelle ist dabei immer die konsequente Orientierung an Kinderrechten, denn Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Gewalt, auf Beteiligung und Unterstützung, ein Recht darauf, gehört zu werden, und ein Recht auf eine Gesellschaft, die Verantwortung übernimmt, so Sabine Erhard, Leiterin der Fachberatungsstelle.

Für die Jubiläumsveranstaltung der Fachberatungsstelle hat der Kinderschutzbund Soest mit Tamara Luding eine ausgewiesene Expertin im Bereich der sexualisierten Gewalt an Kindern und Jugendlichen als Referentin gewinnen können. Die ausgebildete Traumapädagogin engagiert sich mit dem von ihr gegründeten Verein Schutzhöhle e.V. in Hof gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, führt Präventionsprojekte an Kitas und Schulen durch und bietet eine Fachberatung und Selbsthilfegruppen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an. Des Weiteren ist Tamara Luding als Referentin bei der Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatungen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen tätig und zudem Mitglied des Betroffenenrates bei dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.